Analyse der Leverage Ratio: Ist Asset Substitution schädlich für das Finanzsystem?

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Beim Thema Bankenregulierung scheiden sich die Geister. Für die Einen ist es Medizin für ein krankes Finanzsystem, für die anderen ist es eine bittere Pille die unerwünschte Nebeneffekte mit sich bringt. Bankenregulierung ist ein dynamischer Prozess. Mit dem Rahmenwerk Basel III reformiert das BCBS die Struktur der Bankenregulierung. Ein Novum ist die risikostarre Leverage Ratio (LR).  In diesem Beitrag greife ich die Kritik der Regulierungsgegner auf und betrachte unter welchen Gesichtspunkten die Implementierung der LR Asset Substitution verursacht. Das Hauptargument der Kritiker ist, dass die Implementierung der LR für ein erhöhtes Eingehen von Risiken sorgt. Zudem kann es den unerwünschten Nebeneffekt haben, dass Banken die risikoarmen Geschäfte für risikoreiche Geschäfte aufgeben (Asset Substitution).

Zur Geschichte: Bis zur jüngsten Finanzkrise war die Regulierung stets darauf bedacht, die Eigenmittelanforderungen einer Bank durch eine risikosensible Kapitalquote zu begrenzen. Dabei spielt das Recheninstrument, mit dem Namen Solvabilitätskoeffizient, die tragende Rolle. Sowohl Regulierer als auch Banken waren getrieben von dem Glauben Risiken hinreichend gut quantifizieren zu können. Die Modelle der Eigenmittelunterlegung wurden mit der Zeit stets komplexer und die Eigenmittelanforderungen durch die vermeintliche Genauigkeit der internen Modelle reduziert. Der Prozess hat sich solange vollzogen, bis die Risikotragfähigkeit der Institute durch den negativen Impuls der Finanzkrise nicht mehr gewährleistet war. Banken erlitten Liquiditätsengpässe und gingen in die Insolvenz. Die Geschehnisse nahmen die Regulierer zum Anlass und optimierten die Eigenmittelregulierung. Die risikostarre LR wurde von dem BCBS als Standard eingeführt.

 

Leverage Ratio

Das Konstrukt der LR: Die LR ist ein robustes Regulierungsinstrument. Sie verwendet keinerlei Annahmen über den Risikogehalt von Bankgeschäften, sondern setzt das Gesamtengagement der Bank ins Verhältnis zum Kernkapital. Das Gesamtengagement wird zur Berechnung in bilanzielles und außerbilanzielles Geschäft untergliedert. Annahmen über den Risikogehalt konnten die Regulierer bei außerbilanziellen Geschäften jedoch nicht vermeiden. Diese werden nicht mit dem Nominal angesetzt, sondern mit Hilfe von CCFs berechnet, denen das Risikoprofil der Geschäfte zugrundeliegt.

Das Problem: Die LR begrenzt das Geschäftsvolumen der Bank durch die zur Verfügung stehenden Eigenmittel. Der Handlungsspielraum der Bank für mögliche Aktivgeschäfte ist quantitativ begrenzt. Bei einer LR von 3% kann die Bank maximal das 33 Fache der Eigenmittel in Aktivgeschäfte investieren. Regulierungsgegner sehen in der Volumenbegrenzung die Gefahr, dass Banken durch die Implementierung der LR vermehrt risikoreichere Geschäfte abschließen, oder gar das risikoarme Geschäft verstärkt substituieren.

 

3 Szenarien zur Analyse der Asset Substitution

Szenario 1: Betrachten wir eine Bank, die weder reguliert ist, noch die Zusage der staatlichen Rettung im Insolvenzfall genießt (lender of last resort). Wie würde sich die Bank bei der Allokation ihrer Aktiva verhalten? Wird die Bank das Portfolio risikolos ausrichten, oder absolut ins Risiko gehen? In der Praxis könnte man über Geschäftsmodelle und den Risikoappetit des Managements diskutieren. Um die Komplexität des Problems zu vereinfachen, verwenden wir ein Modell. In diesem unterstellen wir, dass eine Bank bei rationalem Verhalten maximal genau so viel Risiko eingeht, wie sie auch tragen kann (Eigenmittel = ökonomischem Kapital). Auf der Einzelgeschäftsebene wird die Bank Geschäfte entlang risikoadjustierten Erfolgskennzahlen benchmarken, sodass sie lediglich Geschäfte mit optimaler Risiko-/Renditeverteilung kontrahiert. Natürlich kann es passieren, dass in einem solchen System eine Bank ab und zu den Default erleidet, da sie die Risiken nicht adäquat quantifizieren konnte. Diese permanente Bedrohung zügelt den Risikoappetit und befürwortet risikoärmere Strategien. Asset Substitution wird in diesem Szenario nicht betrieben, da es kein regulatorisches Limit gibt.

 

LS1

 

Szenario 2: Verändern wir nun die Modellparameter. Wir schalten eine gesetzlich verpflichtende LR von 3% bei sonst gleichbleibenden Annahmen hinzu. Wird die Bank jetzt vielleicht durch die Existenz der LR maßlos Risiken aufbauen, nur weil eine LR keine Risiken der Bankgeschäfte in Betracht zieht? Nehmen wir an, dass die LR unserer Beispiel Bank bei 4% liegt. Bei einem Gesamtengagement von 100 Einheiten und 4 Einheiten Eigenmittel, kann die Bank daher noch 33 Einheiten Volumen aufbauen. Die reine Anwesenheit der LR wird für die Geschäftsallokation der verbleibenden Volumeneinheiten der Bank keine Rolle spielen. Die Bank wird analog zu Szenario 1 Geschäfte kontrahieren, die ihrem Risikotragfähigkeitskonzept entsprechen.

Interessant wird es, wenn die Bank mit ihrer Kennzahl an der verpflichtenden Grenze von 3% angelangt ist. In dieser Situation kann die Bank gewillt sein risikoarme und ertragsschwache Geschäfte gegen risiko- und ertragreiche Geschäfte zu tauschen. Der Tausch wird von einer rational arbeitenden Bank aber ebenfalls entlang der risikoadjustierten Erfolgskennzahlen getätigt, sodass ihr Risikoprofil optimal bleibt. In diesem Tauschprozess kann es durchaus passieren, dass die Bank Wertschriften eines Emittent höchster Bonität abstößt (ggf. Risikogewichtung 0% im Solvabilitätskoeffizienten) und das Portfolio durch einen Titel ergänzt, der ein größeres Risiko beinhaltet. Jedoch sollte bei rationalem Verhalten auch der risk adjusted return durchaus lukrativer sein, um die Geschäfte gegenseitig auszutauschen. Die rationale Bank wird jedoch nicht gewillt sein zu viel Risiko einzugehen und damit ihre Geschäftsfähigkeit durch einen Default zu verlieren. Wir können also bisher zusammenfassen:

Die Leverage Ratio an sich sorgt demnach nicht für ein schädliches Verhalten für das Finanzsystem. Asset Substitution tritt im Grenzbereich der gesetzlichen LR auf. Wenn Banken Asset Substitution betreiben, dann jedoch entlang Rendite-/Risikoabwägungen.

 

LS2

 

Szenario 3: Verändern wir die letzten zwei Parameter in unserer Modell. Unterstellen wir, dass sich das  Verhalten des Managements von rational auf opportunistisch verändert. Zudem nehmen wir an, dass der Staat als lender of last resort agiert. Weiterhin gilt eine gesetzlich verpflichtende LR. Insbesondere die Intermediation des Staates kann Banken dazu veranlassen, den hohen Risikogehalt von Geschäften zu ignorieren. Selbst wenn eine Bank in den Default geht, besteht eine Wahrscheinlichkeit gerettet zu werden. Das opportunistische Management wird die Situation für sich nutzen. Es partizipiert am Verlust nur bedingt, kann jedoch die Gewinne vollumfänglich Abschöpfen.

In diesem Szenario wirkt die LR mit zwei Effekten. Erstens ist die LR ein Selbstbehalt, ähnlich einer Versicherung, die im Falle eines Defaults von der Bank als Haftungssubstanz bereitgestellt wird. Sie begrenzt das opportunistische Verhalten des Managements. Wie stark der begrenzende Effekt ist, hängt davon ab, wie eng das Management am Erfolg der Bank partizipiert. Zweitens wird in diesem Szenario die Bank eher gewillt sein Asset Substitution zu betreiben. Die Entscheidung auf Einzelgeschäftsebene an der verpflichtenden Grenze der LR wird hier nicht zwangsläufig anhand der risikoadjustierten Erfolgskennzahlen gefällt. Insbesondere in ertragsschwachen Zeiten können Banken durch eine erhöhte Risikotransformation das Betriebsergebnis erhöhen. Da bei Banken die Hoffnung besteht in Schieflage gerettet zu werden, besteht der Anreiz Risikopositionen aufzubauen und risikoarme Anlagegegenstände zu substituieren. Erst die Kombination aus Opportunismus, lender of last resort und LR, führt gezielt zur Asset Substitution, die schädlich für das Finanzsystem ist. Das risikoarme Asset verliert gegeben seines niedrigem Payoffs an Attraktivität. Die Attribute Sicherheit und Stabilität, die das Asset gewährleistet, sind von der Bank von untergeordneter Bedeutung, seitdem es Hoffnung auf staatliche Rettung gibt.

 

LS3

Fazit: Die Kritik der Regulierungsgegner ist durchaus begründet, da das dritte Szenario der Realität am nächsten kommt. Der Beitrag konnte anschaulich darstellen, dass bestimmte Aspekte bei der Kritik an der LR stärker differenziert werden müssen. Die Bank betreibt vorrangig Asset Substitution, wenn ihre Kennzahl nahe an der gesetzlich verpflichtenden LR ist. Dabei betrachtet sie jedoch bei rationalem Verhalten des Managements nur die Rendite / Risikoabwägungen. Die Leverage Ratio für sich gesehen verursacht keine Asset Substitution! Erst die zusätzlichen Faktoren “Opportunismus des Managements” und “Intermediation der Staaten” verursachen einen steigenden Risikoappetit bei Banken. Mit der Begrenzung durch die LR entsteht Asset Substitution! Um den unerwünschten Effekt zu kontrollieren, muss also nicht zwangsläufig die LR modifiziert werden, sondern es kann ebenfalls an anderen Stellschrauben gedreht werden.

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Sebastian Fleer

Sebastian Fleer

M.Sc. Business and Economics

Sebastian Fleer hat sich  auf die Themenfelder Bankenregulierung und Risikomanagement spezialisiert. Er ist überzeugt davon, dass die globale Bankenregulierung zum Einen Fairness auf den Finanzmärkten fördert und zum Anderen ein besseres Risikomanagement ermöglicht.