SCB – Risikosensitiver Kapitalpuffer für schlechte Stresstest-Ergebnisse

Ein Meilensteil der makroprudentiellen Bankenregulierung wurde im Jahr 2009, durch das Etablieren von Stresstests für die Global Systemrelevanten Institute (G-SIB), gelegt. Das Novum, im Vergleich zu der mikroprudentiellen Eigenmittelregulierung, ist dass vorwärtsgerichtete, antizipative Stresstesting. Dieses Tool zur Vermeidung von extremen, unerwarteten Verlusten in globalen Stresssituationen ist ein Element der makroprudentiellen Regulierung. In diesem Stresstest werden die Auswirkungen von Adversen Schocks (Tail Events) auf die G-SIB und das Finanzsystem simuliert. Bis heute ist das Stresstesting leider nicht ernsthaft in das globale Konzept der Eigenmittelregulierung integriert.

Sinnvolle Möglichkeiten zur Integration von Stresstest und Kapitalregulierung sind jedoch vorhanden, wie Daniel K. Tarullo (Member of the Board of Governors of the Federal Reserve System) in seiner Rede vom 26. September 2016 schilderte.

Zur Zeit wird die Kapitalplanung und Dividendenausschüttungspolitik ausschließlich durch die Eigenmittelanforderungen und den Capital Conservation Buffer (CCB) eingeschränkt. In der jüngsten Finanzkrise setzten Banken auch in Zeiten von ökonomischen Stress weiterhin ihre unangemessene Ausschüttungspolitik fort. Der bisher geltende CCB soll dieses Problem beseitigen. Banken dürfen den CCB in Zeiten von ökonomischen Stress abschmelzen, die Möglichkeiten der Kapitalausschüttung werden jedoch in diesem Fall eingeschränkt. Beim Verfahren zur Erhebung des CCB, werden 2,5% an Eigenmittel in CET 1 pauschal auf die Risikogewichteten Aktiva (RWA) veranschlagt. Diese Denkweise ist jedoch zu einfach gedacht und nicht risikosensitiv. Aus diesem Grund könnte der Stress Capital Buffer (SCB) für Großbanken künftig eine wichtige Rolle spielen.

Hat ein Institut in seinem Stresstest einen kalkulierten Verlust, der die Mindestkapitalanforderungen von CET 1 unterschreitet, so hat die G-SIB den überschreitenden Betrag an Eigenmitteln in Form des SCBs zu hinterlegen. Nicht-systemrelevante Banken haben weiterhin den CCB als Kapitalpuffer vorzuweisen. Um keine Ungleichheit zwischen systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Banken herzustellen ist der SCB auf einen Mindestwert von 2,5% fixiert. Der SCB würde in diesem Fall den CCB für G-SIB ersetzen.

Ein Beispiel zur Funktionsweise

Die Bank XYZ hat pauschal 4,5% der RWA an CET 1 zu halten. Dazu kommt ein Eigenmittelpuffer für Systemrelevanz in Höhe von 3 % und ein obligatorischer CCB i.H.v. 2,5%. Die Mindesteigenmittelanforderungen der Bank XYZ an CET 1 betragen somit 10% der RWA. Die Bank XYZ hat eine tatsächliche CET 1-Quote von 13%. Der Stresstest der Bankenaufsicht errechnet einen potenziellen Verlust von 5%. Ohne den SCB würde die Bank XYZ bei Eintreten des Schocks eine CET 1-Quote von 8% aufweisen. Somit müsste die Bank XYZ ihren CCB auf 0,5% abschmelzen und würde in diesem Zeitpunkt einer Dividendenausschüttungssperre unterliegen.

Eigenmittelanforderungen an G-SIB

  • CET 1 4,5%
  • Buffer G-SIB 3%
  • CCB 2,5%

Eigenmittelbestand der Bank XYZ

  • CET 1 13%

Eigenmittelbestand der Bank XYZ in Stresstest

  • CET 1 8%
  • Verlust bei Stress 5%

Entsprechend der jeweiligen Regulierungspolitik würde der Beispielbank XYZ ein SCB auf einem Kontinuum von 2,5% (Floor des CCB) bis 5% (Maximale Verluste im Stressfall) der RWA vorgeschrieben werden. Für jede Bank wird in Abhängigkeit von dem existierenden Eigenmittelbestand und der Höhe der im Stresstest auftretenden Verluste der SCB errechnet. Die Beispielbank XYZ müsste für die vorgegebenden Werte einen SCB von 4,5% halten, um bei Eintreten des Schocks keinen Ausschüttungsrestriktionen zu Unterliegen und eine Punktlandung der Eigenmittelanforderungen von 10% erzielen.

Eigenmittelanforderungen an G-SIB mit SCB

  • CET 1 4,5%
  • Buffer G-SIB 3%
  • SCB 4,5%

Durch den SCB können die Regulierer bereits ex-ante weitreichender in die Kapitalplanung und Ausschüttungspolitik eingreifen. Damit werden die Effekte der Ausschüttungssperren vom Zeitpunkt des tatsächlichen Eintritts des aversen Schocks vorverlagert. Als Konsequenz auf schlechte Stresstestresultate hat die Bank mehr Eigenmittel zu halten. Durch seine Risikosensivität und Individualität hat der SCB eine besondere Anreizwirkung. Institute, die über ein schlechtes Risikomanagement oder hohes Risikoexposure in Tail Events verfügen, werden durch die Kapitalauflagen ermutigt, ihr Risikomanagement zu stärken oder Risiken abzubauen. Diese Vorverlagerung ist meines Erachtens sinnvoll. Auf Grund der Haftungsbeschränkung ist das Management von Tail Events für Banken häufig uninteressant, da Regierung und Steuerzahler die Konsequenzen des Scheiterns zu Tragen haben.

Da der SCB und das Stresstesting ausschließlich auf Ebene der G-SIB ermittelt werden, haben diese Tests für kleine und mittlere Institute sinnvollerweise keine weitergehenden Konsequenzen.

Durch die zusätzlichen Kapitalanforderung für G-SIB, mit einem schlechten Risikomanagement, beziehungsweise hohem Risikoexposure kann das Finanzsystem gestärkt werden und die Kapitalanforderungen erhalten durch das Stresstesting eine neue, dynamische Komponente. Das Etablieren des SCB läst jedoch die Rolle des Systemrelevanzpuffers fragwürdig erscheinen. Die Koexistenz der beiden Puffer kann jedoch dadurch gerechtfertigt werden, dass der Systemrelevanzpuffer die unerwarteten Verluste der Großbanken in Stressszenarien zu tragen hat, während der SCB erwartete Verluste deckt. Die Regulierer stehen vor der Herausforderung, geeignete Stressszenarien und fehlerfreie Simulationen zu generieren, ansonsten verzerrt der SCB das Finanzsystem und sorgt für regulatorische Ungerechtigkeit.

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Sebastian Fleer

Sebastian Fleer

M.Sc. Business and Economics

Sebastian Fleer hat sich  auf die Themenfelder Bankenregulierung und Risikomanagement spezialisiert. Er ist überzeugt davon, dass die globale Bankenregulierung zum einen Fairness auf den Finanzmärkten fördert und zum anderen ein besseres Risikomanagement ermöglicht.