Walkthrough: Standardverfahren Zinsänderungsrisiko BCBS 368

In diesem Beitrag wird das neue Standardverfahren zur Messung von Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch des BCBS 368 vorgestellt. Das Verfahren misst den Economic Value of Equity in unterschiedlichen Zinsszenarien. Der Prozess zur Messung des Risikos wird durch das BCBS in fünf Schritte untergliedert, die ebenfalls die Struktur des Fachbeitrags vorgeben. Für mehr Basiswissen über Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch empfehle ich die Fachbeitragsreihe zu diesem Thema.

Schritt 1: Kategorisierung der Positionen

Für die Messung des Zinsänderungsrisikos sind sämtliche zinssensitive Positionen zu ermitteln und in drei Kategorien entsprechend der Fähigkeit zur Standardisierung zu unterteilen.

Den Grad der Standardisierung einer Position legt das BCBS anhand der Fähigkeit der Vorhersagbarkeit/Verlässlichkeit des zukünftigen Auszahlungsprofils fest. Auf viele Positionen wirken automatische Optionen oder Verhaltensoptionen. Letztere müssen durch institutsinterne, nicht standardisierbare Annahmen modelliert werden.

In die erste Kategorie, geeignet zur Standardisierung, fallen sämtliche Positionen, dessen Auszahlungsprofil bereits ex Ante vollständig bekannt, wie Beispielsweise Fixed Rate Positionen ohne Verhaltensoptionen. Gleichermaßen ist das Auszahlungsprofil von Floating Rate Positionen für die Bemessung des Zinsänderungsrisikos hinreichend bekannt. Positionen, die weniger zur Standardisierung geeignet sind enthalten explizite oder eingebettete automatische Optionen. Das Auszahlungsprofil dieser Positionen wird ungeachtet der automatischen Option erstellt und die Option wird getrennt bewertet. Beispiele hierfür sind Positionen mit Zinscaps oder Zinsfloors. Positionen, die ungeeignet zur Standardisierung sind, enthalten Verhaltensoptionen, die institutsseitig modelliert werden müssen. Prominentestes Beispiel dieser Position sind Sichteinlagen (NMD’s), dessen vertragliche Laufzeit und tatsächliche Laufzeit stark divergieren. Weiterhin zählen zu dieser Kategorie Termineinlagen mit frühzeitigen Rückzugsklausen (Termdeposits with early redemption Risk) oder Kredite, die frühzeitige Rückzahlungsklauseln beinhalten (Fixed Rate Loans subjected to Prepayment risk).

Schritt 2: Cashflow Bucketing der Positionen

Das BCBS gibt 19 zukünftige Zeitintervalle (k) vor in die die Zahlungsströme CF i,c (k) in Abhängigkeit des einzelnen Zinsschock Szenarios (i) und der Währung (c) der einzelnen Positionen der fallen. Der Zahlungsstrom von Positionen, die geeignet zur Standardisierung oder weniger geeignet zur Standardisierung (Die automatischen Optionen werden in Schritt 5 gesondert behandelt) sind, ist entsprechend des anfallenden Zahlungstermins, welcher am nächstens dem Timebucket Midpoint liegt dem entsprechenden Cash Flow Bucket zuzuweisen. Die einzelnen Zahlungsströme können in Abhängigkeit der Zinsszenarien (i) variieren. Diese werden in Schritt 3 eingeführt. Hiervon betroffen sind Positionen mit Optionen, insbesondere der Kategorie nicht geeignet zur Standardisierung. Ein Beispiel für zinsszenarioabhängige Auszahlungsprofile sind Kredite mit vorzeitiger Rückzahlungsoption. Das Standardverfahren beinhaltet für diese Kredite eine Rückzahlungsrate (Conditional Prepayment Rate; CPR), die je Zinsschockszenario variiert. Analog werden im Standardverfahren Termineinlagen mit frühzeitigem Rückzugsrecht behandelt. Weitere Vorgaben macht das neue Standardverfahren zum Bucketing von NMD’s. Methodisch bleibt den Instituten weiterhin die Freiheit, jedoch werden im Standardverfahren konkrete Caps für den Anteil von stabilen Einlagen sowie deren durchschnittliche Laufzeit gegeben, die je nach Gegenpartei Whole Sale oder Retail Transactional oder Retail Non-Transactional unterschiedlich stark gewichtet sind.

Mit dem BCBS 368 bleibt es den Instituten überlassen Margen und Spreadkomponenten bei der Berechnung des Zinsänderungsrisikos im Anlagebuch im Cash Flow Bucketing-Prozess herauszurechnen. Dies führt zu einer präziseren Quantifizierung des Zinsänderungsrisikos. Wurden sämtliche Zahlungsströme den Maturity Buckets zugeordnet kann der Summenzahlungsstrom generiert werden.

Schritt 3: Ermittlung des Economic Value of Equity ohne automatische Optionen (EVEnao)

Nachdem das Bucketing jeder einzelnen Position nach Währung und Zinsschockszenario vollzogen wurde, kann für jedes Zinsschockszenario ein aggregierter Zahlungsstrom generiert werden, sodass sich eine Nettoposition je Zeitintervall ergibt. Die Zahlungsströme werden dann mittels währungsabhängigen Continously Compound Discount Factor DFi,c (tk)=exp(-Ri,c (tk)* (tk)) je Szenario diskontiert, um den korrespondierenden EVE zu bemessen. Der BCBS 368 gibt 6 verschiedene Zinsschockszenarien vor, die je zu Grunde liegender Währung unterschiedlich stark ausfallen. Dabei wird der risikofreie Zero Coupon Zinssatz der Zinsstrukturkurve (Ri,c (tk)) zum Zeitpunkt k, um die nachfolgenden 6 Szenarien modifiziert.

Für jedes Szenario ist der EVE zu ermitteln. Um die Veränderung des Economic Value of Equity (ΔEVE) darauf folgend zu bestimmen, wird die Differenz zwischen dem EVE des Basisszenarios und dem EVE des Zinsschockszenarios gebildet. ΔEVEnao i,c=ΣCF0,c(k)∙ DFt0,c(tk)-ΣCFi,c(k)∙ DFti,c(tk) Die Nachfolgende Abbildung veranschaulicht den Zusammenhang zwischen diskontierten Zahlungsströmen im Basisszenario (blau) und denen des Steepener Shocks (grün).

Schritt 4: Ermittlung der Wertänderung der automatischen Optionen (KAOi,c)

Die Wertänderung der automatischen Optionen wird außerhalb des Bucketingsprozesses berechnet und in Schritt 5 entsprechend des Szenarios auf das ΔEVEnao, addiert. Unterschieden wird zwischen verkauften und gekauften automatischen Optionen. Bei Letzterem hat die Bank die Wahl lediglich Optionen, welche für Hedgingzwecke eingesetzt werden, anzurechnen. Die Wertänderung der verkauften automatischen Optionen (ΔFVAOo i,c) ergibt sich aus einer Neubewertung der Option gegeben der Zinsstrukturkurve des entsprechenden Szenarios je Währung und einer Erhöhung der impliziten Volatilität um 25% abzüglich des Optionswertes im Basisszenario. Gleichermaßen wird die Wertänderung gekaufter Optionen (ΔFVAOq i,c) ermittelt. Die Differenz zwischen der Wertänderung gekaufter und verkaufter Optionen ergibt die gesamte Wertänderung und somit das Addon für automatische Optionen je Szenario KAOi,c.

KAOi,c = ΣΔFVAOo i,c – ΣΔFVAOq i,c

Schritt 5: Ermittlung der gesamten Veränderung des ΔEVE

Im letzten Schritt wird die Gesamtänderung je Zinsschockszenario ermittelt, in dem die Wertänderung der automatischen Optionskomponenten mit der Wertänderung aus dem Cash Flow Bucketingprozess kombiniert werden.

ΔEVEi,c =ΔEVEnaoi,c + KAOi,c

Die Veränderungen je Zinsschock Szenario wird zunächst über alle Währungen aggregiert. Die Kennzahl gibt Aufschluss über die Anfälligkeit des Anlagebuchs für die einzelnen Schockszenarien. Das Schockszenario mit der größten EVE Veränderung stellt gleichermaßen die standardisierte EVE Risikokennzahl dar.

Sebastian Fleer

Sebastian Fleer

M.Sc. Business and Economics

Sebastian Fleer hat sich  auf die Themenfelder Bankenregulierung und Risikomanagement spezialisiert. Er ist überzeugt davon, dass die globale Bankenregulierung zum Einen Fairness auf den Finanzmärkten fördert und zum Anderen ein besseres Risikomanagement ermöglicht.

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