Zinsänderungsrisiken Teil 1: Definition, historischer Kontext und Regulierung

Die Behandlung von Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch hat in letzter Zeit an Aufmerksamkeit gewonnen. Durch die neuen High Level Standards der EBA, den neuen Standards zum Management vom Zinsänderungsrisiken und der Konsultation der BaFin für LIS wird dem Zinsrisiko neue Aufmerksamkeit geschenkt. Die Fachbeitragsreihe Zinsänderungsrisiken vermittelt ausführlich das Grundwissen zu dieser Risikokategorie im aufsichtsrechtlichen Kontext entsprechend des BaFin Rundschreiben 11/2011 und gibt einen Ausblick auf die vorgesehenen Neuerungen. Die Fachbeitragsreihe ist wie folgt strukturiert.

Teil 1

Zinsänderungsrisiken: Definition, historischer Kontext und Regulierung mittels Basler Zinsschock

Teil 2

Zinsänderungsrisiken: Grundidee zur Messung und Regulierung der Basler Zinsschock

Teil 3

Zinsänderungsrisiken: Modellierung der Cash Flows und Quantifizierung des Zinsrisikos nach aufsichtsrechtlichen Vorgaben

Teil 4

Zinsänderungsrisiken: Die aufsichtsrechtlichen Änderungen der EBA und des BCBS

In diesem Beitrag wird das Risikoumfeld der Zinsänderungsrisiken und dessen Regulierung skizziert. Es wird vermittelt, wann Zinsänderungsrisiken in der jungen Vergangenheit eine Rolle gespielt haben und warum diese ein wichtiger Regulierungsgegenstand geworden sind. In Teil 2 der Reihe wird die von der Regulierung zugrunde gelegte Methodik zur Messung von Zinsrisiken beschrieben. Teil 3 zeigt den Prozess zur Messung von Zinsänderungsrisiken und somit die einzelnen Schritte zur Quantifizierung des Zinsrisikos auf. In Teil 4 wird ein Ausblick auf die regulatorischen Änderungen der EBA Richtlinie und des neuen BCBS Standards gegeben.

Historischer Kontext von Zinsänderungsrisiken und deren Regulierung

Die Staatsschuldenkrise im Euroraum und die globale Finanzkrise, ausgelöst durch die Subprimekrise 2007, die Ihren Höhepunkt in der Insolvenz der Großbank Lehman Brothers und der staatlichen Rettung weiterer Kreditinstitute fand, sind einige nennenswerte Beispiele. Die hohe Kreditausfallwahrscheinlichkeit in der Subprimekrise erweckte Misstrauen zwischen den Geschäftsbanken. Der Ausfallrisikospread stieg an und somit ebenfalls die kurzfristigen Interbankenzinsen, welche die gegenseitige Refinanzierung der Kreditinstitute am Interbankenmarkt äußerst erschwerte.

Um Risiken im Gesamtbankkontext besser erfassen zu können, wird die Risikostruktur von Banken stetig untersucht. Unter anderen kann durch Zinsänderungen ein erhebliches Risiko für Banken entstehen und ist deshalb ein globaler Regulierungsstandard. Die Fachbeitragsstrecke soll die aufsichtsrechtlichen Vorgaben der Zinsrisikobemessung in sowohl qualitativen- als auch quantitativen Aspekten in den Vordergrund stellen. Der aufsichtsrechtliche Ausgangspunkt liegt in dem Supervisory Review Process der zweiten Säule von der Baseler Eigenkapitalübereinkunf.

An dieser Stelle wird das Standardverfahren zur Bemessung von Zinsänderungsrisiken der „Baseler Zinsschock“ eingeführt, welches eine plötzliche und unerwartete Zinsänderung in Szenarien unterstellt. Diese Szenarien ähneln einer Extremsituation an den Finanzmärkten, eben solche Zustände wie auch in Krisen erlebt wurden und stellen einen Stresstest für das Anlagebuch des Kreditinstituts dar. Ebenfalls werden durch den Baseler Zinsschock längerfriste geschäftspolitische Entscheidungen zur Fristentransformation beschränkt. Ein übermassiges Risiko durch Fristeninkongruenzen wird somit für die einzelne Bank beschränk, sodass bei einem langanhaltenden Anstieg des Zinsniveaus die Verluste eingeschränkt werden.

Der Risikobegriff im Bankenbereich und Zinsänderungsrisiko

In der finanzwirtschaftlichen Betrachtung beinhaltet der Risikobegriff sowohl die negative, als auch die positive Abweichung von einem Erwartungswert. Durch das gezielte Eingehen von Risiken erwirtschaftet die Bank Erträge. Jedoch sollte die Übernahme der Risiken in einem angemessenen Verhältnis zu den Erträgen stehen, die von der Bank erwirtschaftet werden können.

Übertragen auf das Zinsrisiko bedeutet dies, dass der abweichende Betrag zwischen dem im Kaufzeitpunkt erwarteten Wert und dem tatsächlich realisierten Wert abweicht. Zinsrisiken entstehen durch die volkswirtschaftlich gewünschte Fristentransformationsfunktion von Kreditinstituten. Während Kreditkunden häufig langfristige und festverzinsliche Kredite wünschen, möchten Einleger kurzfristig über ihr Geld verfügen. Demnach sind die Zinsbindungsfristen von aktiven und passiven Bilanzpositionen ungleich. Die Refinanzierung ist fristeninkongruent.

Durch die am Markt vorliegende Zinsstrukturkurve, die idealtypisch die Form einer normalen steigenden Zinskurve annimmt, kann das Kreditinstitut Zinsgewinne erzielen. Solange die Zinsstrukturkurve konstant bleibt, ist der Zinsaufwand aus den kurzfristigen Einlagen geringer als die Erträge aus dem langfristigen festverzinslichen Kreditgeschäft. Eine Gefährdung für die kurzfristige Refinanzierung stellt eine plötzliche und unerwartete Veränderung der Zinsstrukturkurve dar. Eine Parallelverschiebung, Drehung oder Krümmung im Periodenverlauf kann die Ertragslage des Instituts gefährden.

Bedeutung von Zinsänderungsrisiken

Die große Bedeutung von Erträgen aus dem Zinsgeschäft ist nicht von der Hand zu weisen. Das Zinsergebnis ist mit Abstand die größte Einnahmequelle für Deutsche Banken. Dementsprechend groß ist eine Bedrohung durch Zinsänderungsrisiken. Eine zunehmend abflachende Zinsstrukturkurve und ein historisch niedriges Zinsniveau sorgt für schrumpfende Ergebnisse aus dem Fristentransformationsgeschäft. Der Ertrag aus der Übernahme von Zinsänderungsrisiken am Zinsüberschuss variiert stark mit dem Bankenmodell. Eine mögliche zweite Entstehungsquelle für Zinsrisiken sind Zinsderivate. Derivate können zur passiven Absicherung und Weitergabe des Zinsrisikos an den Kapitalmarkt genutzt werden, durch den spekulativen Gebrauch von Derivaten können Risiken aufgebaut werden.

Struktureller Aufbau von Zinsrisiken und Einordnung in das Gesamtbankrisiko

Der Entstehung zur Folge kann das Zinsrisiko als ein Risiko verstanden werden, dass sich aus der Marktzinsänderung ergibt und eine Verfehlung der geplanten Zinsergebnisgröße stattfindet. Demnach sind die Zinsrisiken abhängig von der Marktentwicklung, einer externen Komponente, und lassen sich in Anlehnung an Schierenbecks Modell zur Abgrenzung von finanziellen Erfolgsrisikokategorien1 den Marktrisiken zuordnen, welche eine Untergruppe der Finanzrisiken darstellen.

Nach dem Basel Committee on Banking Supervision (BCBS) kann das Zinsrisiko in vier Kernkomponenten zerlegt werden. Diese sind

Prolongationsrisiko (repricing risk): Entsteht durch die Fristeninkongruenz von festverzinslichen Aktiva, Passiva und Posten unter dem Bilanzstrich.

Zinsstrukturkurvenrisiko (yield curve risk): Entsteht durch eine Veränderung der Neigung und Formänderung der Zinsstrukturkurve.

Basisrisiko (basis risk): Entsteht durch die Fixierung von Aktiv und Passivpositionen an unterschiedliche Referenzsätze.

Optionsrisiko (optionality risk): Entsteht durch Implizite Optionen

Im nächsten Beitrag erfahren Sie, in welcher Form diese Zinsrisiken durch die Regulierung begrenzt werden und wie die aufsichtsrechtliche Berechnung der Zinsrisiken zu erfolgen hat.

Sebastian Fleer

Sebastian Fleer

M.Sc. Business and Economics

Sebastian Fleer hat sich  auf die Themenfelder Bankenregulierung und Risikomanagement spezialisiert. Er ist überzeugt davon, dass die globale Bankenregulierung zum Einen Fairness auf den Finanzmärkten fördert und zum Anderen ein besseres Risikomanagement ermöglicht.