Zinsänderungsrisiken Teil 2: Grundidee zur Messung und Regulierung – der Basler Zinsschock

Zinsänderungsrisiko

In diesem Beitrag wird ein Überblick über die einzelnen Schritte der aufsichtsrechtlichen Bemessung der Zinsänderungsrisiken gegeben. Begonnen wird bei den gesetzlich vorgeschriebenen Positionen, die zur aufsichtsrechtlichen Berechnung von Zinsänderungsrisiken einbezogen werden. Anschließend wird die aufgrund des BaFin Rundschreiben 11/2011 vorgeschriebenen Methodiken zur Risikomessung erläutert. Abschließend wird der Zinsrisikokoeffizient als Regulierungsinstrument vorgestellt.

Einzubeziehende Positionen

Sämtliche, dem Anlagebuch zugehörigen, zinssensitiven bilanziellen und außerbilanziellen Positionen, genauso wie implizit in Bankprodukten enthaltene Optionen, sind in das Zinsschock-Szenario zu integrieren. Das Anlagebuch ergibt sich nach §1a Abs. 2 KWG aus der Negativabgrenzung der Definition von dem Handelsbuch. In diesem Rahmen eingeschlossen sind neben festverzinslichen Positionen auch Positionen, die über eine unbestimmte Kapitalbindungsdauer und/oder über eine variable Verzinsung verfügen. Für diese Positionen kann der genaue Cash Flow nicht direkt abgebildet werden. Die BaFin lässt an dieser Stelle Spielraum für die internen Methoden der Kreditinstitute, jedoch muss die Modellierung eine geeignete MaRisk-konforme Gestaltung annehmen. Durch die Modellierungstechnik kann die einzelne Bank maßgeblich die Ergebnisse der Zinsänderungsrisikobemessung beeinflussen. Die Beschränkung der internen Modelle wird in der aktuellen Konsultation des BCBS diskutiert und wird in Teil 4 der Fachbeitragsreihe wieder aufgegriffen.

Der Zinsschock und die Auswirkungen auf den „wirtschaftlichen Wert“

Der Zinsschock stellt eine plötzliche und unerwartete Verschiebung der Zinsstrukturkurve dar, die in der Szenario-Betrachtung sowohl eine Erhöhung als auch eine Senkung des Zinssatzes vorsieht. In Folge der Zinsänderung entsteht eine Veränderung des Barwertes für alle zinssensitiven Positionen. Die Höhe der zu Grunde legenden Zinsänderung im aufsichtsrechtlichen Verfahren ist von der BaFin vorgeschrieben. Der Zinsschock ist so gewählt, dass er für ein Kreditinstitut ein außerordentliches und besonders belastendes Szenario darstellt. Die Belastung soll so stark sein, dass implizite Optionen ausgelöst und daraus resultierende Risiken offenbart werden. Für die Ermittlung des Zinsschocks gibt das BCBS zum eine Parallelverschiebung der Zinsstrukturkurve von 200 Basispunkten (BP) nach oben und unten vor. Wie groß die Wahrscheinlichkeit für ein Eintreten dieses Szenarios ist, sei aufgrund der heutigen ökonomischen Umstände der Eurozone dahingestellt. Es sorgt jedoch aus Sicht der Regulierer für ein hinreichend großes Absicherungsniveau. Mögliche andere Szenarien sind bei dem BCBS derzeit in Konsultation und werden im 4. Beitrag der Reihe tiefer beleuchtet.

Mit der Ermittlung der relevanten Positionen und der Festlegung der Höhe des zu Grunde gelegten Zinsschocks, kann nun die Barwertveränderung gemessen werden. Grundsätzlich erkennt die BaFin zwei Möglichkeiten, die Veränderungen auf den Wirtschaftlichen Wert zu berechnen, an. Die erste Variante stellt das barwertige – beziehungsweise marktwertorientierte Verfahren dar. Eine genauere Bestimmung wird an dieser Stelle von der BaFin bewusst vermieden. Die Institute sind dazu angehalten ihre internen Methoden und Modelle zu verwenden, unter der Prämisse dass diese MaRisk-konform sind. Dies soll eine aufwändige Implementierung eines genormten Standards für alle Kreditinstitute vermeiden. Die zweite Variante ist das Ausweichverfahren der BaFin. Die Methode ist hauptsächlich für Institute gedacht, die ihre Verfahren zur Messung und Steuerung von Zinsänderungsrisiken ausschließlich GuV-orientiert ausgerichtet haben. Um den Bewertungsprozess für diese Institute zu erleichtern ist das Ausweichverfahren im Gegensatz zum Barwertansatz hochgradig standardisiert. Das Ergebnis der Simulationen sind die Barwertveränderungen sowohl im Zinsanstiegs und Zinsabstiegs-Szenario.

Der Zinsrisikokoeffizient als Indikator für das Ausmaß der Bedrohung von Zinsänderungsrisiken

Da die barwertige Veränderung als absolute Kennzahl wenig aussagekräftig über das Maß der Bedrohlichkeit einer plötzlichen und unerwarteten Zinsänderung für ein Institut ist, muss eine andere geeignete Dimension gefunden werden. Der größere Barwertverlust aus der Simulation der zwei Szenarien soll in ein Verhältnis zu den regulatorischen Eigenmitteln des Instituts gesetzt werden. Das Ergebnis des Quotienten ist der Zinsrisikokoeffizient. Institute bei denen der Zinsrisikokoeffizient einen Wert von mehr als 20% annimmt, werden als Kreditinstitute mit erhöhtem Zinsänderungsrisiko klassifiziert. Bei überschreiten dieses Limits ist unverzüglich die BaFin und die Bundesbank zu informieren. In dem voran gegangenen Rundschreiben wurden diese Institute zunächst als Ausreißer-Institute betitelt. Die BaFin wird sich über Institutionen die diesen Titel tragen weitere Informationen einholen und einschlägig untersuchen ob Sanktionen verhängt werden müssen. Sollten die Zinsänderungsrisiken eine besondere Bedrohung für die Fortführung des Geschäfts darstellen, kann die BaFin eine erhöhte Eigenmittelanforderung anordnen. Durch eben diese Sanktionen macht die BaFin auf die Besonderheit von Zinsänderungsrisiken aufmerksam, denn auch wenn diese nicht Bestandteil der ersten Säule von Basel III ist, sollten keine potenziell existenzgefährdenden Zinsänderungsrisiken eingegangen werden.

Abschließende Worte

Nachdem in diesem Beitrag der regulatorische Grundstein gelegt wurde, beschreibt Teil 3 der Reihe den Prozess zur Messung von Zinsänderungsrisiken unter dem BaFin Rundschreiben 11/2011. In einem weiteren Beitrag werden regulatorische Änderungen durch Veröffentlichungen der EBA und des BCBS veranschaulicht.

Teil 1

Zinsänderungsrisiken: Definition, historischer Kontext und Regulierung mittels Basler Zinsschock

Teil 2

Zinsänderungsrisiken: Grundidee zur Messung und Regulierung der Basler Zinsschock

Teil 3

Zinsänderungsrisiken: Modellierung der Cash Flows und Quantifizierung des Zinsrisikos nach aufsichtsrechtlichen Vorgaben

Teil 4

Zinsänderungsrisiken: Die aufsichtsrechtlichen Änderungen der EBA und des BCBS

Sebastian Fleer

Sebastian Fleer

M.Sc. Business and Economics

Sebastian Fleer hat sich  auf die Themenfelder Bankenregulierung und Risikomanagement spezialisiert. Er ist überzeugt davon, dass die globale Bankenregulierung zum Einen Fairness auf den Finanzmärkten fördert und zum Anderen ein besseres Risikomanagement ermöglicht.